An alle Kunstinstitutionen in der Schweiz

Ein Jahr nach der Veröffentlichung eines offenen Briefes, der sich an Schweizer Kunsträume richtet, teilen Schwarze Künstler*innen und Kulturschaffende aus der ganzen Schweiz einen zweiten kollektiv verfassten Brief, der von über 100 Schwarzen Kunst- und Kulturschaffenden in der Schweiz unterzeichnet wurde.
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Am 9. Juni 2020 haben wir, mehr als 60 Schwarze Kunst- und Kulturschaffende aus der ganzen Schweiz, gemeinsam einen offenen Brief verfasst. Zu diesem Zeitpunkt gab es eine massive globale Welle der Solidarität mit der Black Lives Matter Bewegung. Unser offener Brief richtete sich speziell an die über 76 Schweizer Kunsträume, die sich am #BlackOutTuesday[1] beteiligt hatten.

In unserem Brief äußerten wir, dass wir das Zeichen der Unterstützung zwar schätzen, uns aber bewusst sind, dass das, was als «Social-Media-Aktivismus»[2] definiert wird, in der Regel nicht über distanzierte, unbeteiligte PR-Statements hinausgeht. Wir hielten daran fest, dass struktureller Rassismus – in Form von Mikroaggressionen, explizitem Rassismus, Gaslighting, ausgrenzenden institutionellen Haltungen und Politiken, der Zentrierung des Weißseins, Polizeibrutalität, Hassverbrechen, der Forderung nach unbezahlte Arbeit, oder der Exotisierung und (Hyper-)Sexualisierung etc. – in der Schweiz sehr verbreitet ist. Daraus resultierend erleben viele von uns Rassismus in unserem alltäglichen Leben, sowie in unseren beruflichen Engagements und Interaktionen als Schwarze Künstler*innen und Kulturschaffende.  

Angeschriebene Kunsträume wurden ermutigt aktiv zu werden und in die notwendige anti-rassistische Arbeit zu investieren. Als Hilfestellung stellten wir eine Reihe von Fragen, die diese notwendige Arbeit zur Ermittlung von Bias innerhalb der eigenen Strukturen unterstützen sollten. Wir forderten unsere Adressat*innen auf, die Antworten auf diese Fragen über ihre eigenen Kanäle öffentlich zu teilen und dadurch Transparenz und Verantwortung zu praktizieren. 

Seit dem 9. Juni 2020 haben von den 76 angesprochenen Kunsträumen, die sich alle zuvor mit der Black Lives Matter-Bewegung solidarisch erklärt hatten, nur drei ihre Antworten öffentlich geteilt. Die anderen 73 Institutionen lieferten eine Vielfalt von frustrierenden Reaktionen. Darunter die Erwartung unentlohnter Arbeit in Form von informellen Treffen, anstatt bezahlte Berater*innen für die Dekonstruktion rassistischer Strukturen zu engagieren. Von den meisten Institutionen erhielten wir gar keine Antwort.

Leider war dies keine Überraschung denn der strukturelle Rassismus und das fortwährende Schweigen über die weisse Vorherrschaft in der Schweiz sind uns seit langem bekannt. Dennoch waren die Reaktionen sehr ernüchternd. Darüber hinaus stellten wir fest, dass sich viele der kleineren Offspaces oft von diesen Gesprächen und dieser Arbeit ausgenommen fühlen, da sie sehr informell arbeiten. Der Mangel an Verantwortlichkeit und Transparenz ist frustrierend.

Unsere Gesellschaft in ihrer heutigen Form beruht auf Anti-Schwarzem Rassismus, der ihre Struktur und Kultur in einer Weise durchzieht, die nicht mit dem Rassismus, den nicht-Schwarze Menschen of Color erleben, oder mit der Fremdenfeindlichkeit, mit der viele Menschen nicht-Schwarzer Herkunft konfrontiert sind, zu vergleichen ist. Unterdrückungen sind vielschichtig und komplex. Sie brauchen ein präzises Vokabular. Deshalb bestehen wir auf Spezifität in unserem Vokabular, indem wir zwischen Anti-Schwarzen Rassismus und anderen Formen von Diskriminierung unterscheiden. Wir tun dies in dem Bemühen, sowohl die notwendige Solidarität zwischen Schwarzen Menschen und nicht-Schwarzen Communities of Colour, als auch die wahre Tiefe des allgegenwärtigen anti-Schwarzen Rassismus zu beleuchten. Wir setzen unser Verständnis von anti-Schwarzen Rassismus ein, um die verschiedenen Erfahrungen des Schwarzseins, wie sie in der Schweiz erlebt werden, anzuerkennen und anzusprechen. Dies beinhaltet die intersektionalen Erfahrungen Schwarzer Menschen mit Colorism, Ableismus, Xenophobie, Misogynie, Sexismus, Transphobie, Homophobie, Klassismus, oder den Rechtsstatus, um nur einige zu nennen. Schwarzsein ist kein Monolith.

Dieser Brief wurde von einzelnen Schwarzen Kunstschaffenden geschrieben und unterzeichnet, die sich aus der Notwendigkeit heraus zusammengefunden haben, die unterschiedlichen Erfahrungen des anti-Schwarzen Rassismus in der Schweizer Kunst- und Kulturlandschaft anzusprechen. Wir sind kein Kollektiv. Des Weiteren beziehen wir uns auf Schwarze Künstler*innen, die in der Schweiz leben oder arbeiten. Die Vorstellung, dass Anti-Schwarzer Rassismus nur Menschen mit Migrationshintergrund und nicht-schweizerische Schwarze Kunstschaffenden betrifft, ist falsch. Es gibt Schwarze Schweizer*innen, und Anti-Schwarzer Rassismus ist ein Schweizer Problem. Es gibt keine konstruktive Diskussion, die mit der Frage beginnt, ob es denn Rassismus in der Schweiz wirklich gibt.

Seit Juni 2020 zeigen viele Kunsträume ihre Bereitschaft, sich mit dem Thema Rassismus auseinanderzusetzen, was sich an der deutlichen Zunahme von Podiumsdiskussionen und ähnlichen öffentlichen Veranstaltungen beobachten lässt. Wir möchten jedoch darauf hinweisen, dass bei mehreren Veranstaltungen schädliche Entscheidungen zu Lasten Schwarzer Kunstschaffender getroffen wurden. Zudem sind wir auf einen allgemeinen Widerwillen gestoßen, strukturellen anti-Schwarzen Rassismus anzusprechen. Einzelne von uns mussten sich für ihre Unterschriften auf unserem ersten Brief rechtfertigen und wurden mit Rufschädigung konfrontiert. Dies unterstreicht und bekräftigt die Dringlichkeit einer tieferen Konfrontation mit strukturellen Vorurteilen, die in der weißen Vorherrschaft verwurzelt sind und sich als Anti-Schwarzer Rassismus äußern. Wir werden nicht akzeptieren, dass Antirassismusarbeit zur Profilierung der eigenen Institutionen und Kunsträumen instrumentalisiert wird.

Echte und tiefgreifende Arbeit kann nur geleistet werden, wenn wir, als Individuen und als Mitglieder*innen von Institutionen und Gesellschaften, über unsere Abwehrhaltungen und Schuldgefühle hinausgehen. Es bleibt weiterhin ein dringender, notwendiger Prozess, der mit der Verpflichtung jeder*s Einzelnen von uns beginnt, unsere verinnerlichten Anti-Schwarzen Bias aktiv zu verlernen – dies schließt Verhaltensweisen und Handlungen ein, die von einer sozialisierten Wahrnehmung des Weißseins als Standard geprägt sind. Niemand ist hiervon ausgeschlossen, denn wir werden alle in eine rassistische Gesellschaft hineingeboren. Diese Rassismen proaktiv zu verlernen, ist unsere dringendste und wichtigste Forderung. Sie ist die notwendige Grundlage für alle folgenden Forderungen nach materieller Veränderung:

– Berücksichtigung und Einschluss von Schwarzen Kunstschaffenden in Programme, wie Ausstellungen, Residenzen, etc, ein. Dies soll dringend über Programme hinausgehen, die ausschließlich Identitätspolitik, weiße Vorherrschaft oder Rassismus thematisieren. Engagement in tiefgreifenden und nuancierten Auseinandersetzungen mit deren künstlerischen Arbeiten. Verpflichtung Entscheidungen zu treffen, die nährend für die Karriere der Kunstschaffenden sind, einschließlich der Pflege von Beziehungen zu Institutionen, Sammlungen und Kritiker*innen, die für die Künstler*innen und ihre Arbeit relevant sind.

– Archivierung von Werken Schwarzer Künstler *innen in allen Sammlungen zum gleichen Standard wie es bei weißen cis-männlichen Gegenstücken gehandhabt wird.

– Implementierung einer standardisierten Anti-Rassismus-Klausel[3] in allen Verträgen, die darauf abzielt, dass Arbeitgeber*innen, Arbeitnehmer*innen, Auftraggeber*innen oder anderweitig vertraglich gebundene Mitarbeitende sich dazu verbindlich machen, sich nicht rassistisch zu äussern oder zu handeln.

– Professionelle Einrichtungen, die ein Umfeld ermöglichen, in dem Gespräche über erlebten Rassismus oder Vorurteile konstruktiv geführt werden können, wo Abwehrhaltungen als schädlich anerkannt und es als konstruktiver Akt verstanden wird, wenn man bei schädlichem Verhalten zur Verantwortung gezogen wird. Es ist entscheidend, dass die Äußerung rassistischer Erfahrungen ernst genommen wird und nicht zu Prekarisierung, Schubladisierung oder Rufschädigung führt.

– Durchführung von regelmäßigen Evaluierungen der internen strukturellen Vorurteile über alle Ebenen hinweg. Anschließende Implementierung notwendiger Maßnahmen mit definierten Zielen zur Verbesserung von Bereichen mit schlechter Leistung.

– Anerkennung der Notwendigkeit von Gerechtigkeit gegenüber Gleichberechtigung und konkrete Arbeitsschritte, die dies widerspiegeln.[4]

– Halbjährliches Anti-Rassismus-Training durch bezahlte Schwarze Fachpersonen.

– Öffentlich zugängliche Antirassismus-Strategien in allen Kunst- und Kulturräumen, einschließlich eines Handlungsplans und der Anforderung einer Gleichstellungs- / Gerechtigkeits-, Diversitäts- und Inklusionsrichtlinien, die regelmäßig bewertet und aktualisiert werden.

– Erfordernis einer Anti-Rassismus-Strategie im Rahmen von Bewerbungsprozessen für alle Kunst- und Kulturschaffenden, einschließlich Vermittlungs-, PR- und HR-Positionen.

– Anstellung von Schwarzen Kunst- und Kulturfachleuten in leitenden Positionen, z.B. Jurys für Preise, Zulassungen, offene Ausschreibungen usw.

In unserem Fokus auf Anti-Schwarzen Rassismus ist es erforderlich, dem Colorism besondere Aufmerksamkeit zu geben. Dark-skinned Schwarze Personen mit weniger Nähe zum Weisssein müssen bei allen antirassistischen Absichten im Mittelpunkt stehen. Dazu gehört die aktive und laufende Evaluierung davon, ob Schwarze Kunstschaffende mit hellem Hautton im eigenen Kunsthaus Schwarzen Kunstschaffenden mit dunklem Hautton gegenüber vermehrt eine Plattform gegeben wird. 

Wir fordern, dass ähnliche Schritte eingeleitet werden, um die Diskriminierung gegenüber all denen zu bekämpfen, die unter der weißen Vorherrschaft und den ihr entspringenden  Unterdrückungsformen leiden, zu denen Ableismus, Klassismus, Fettphobie, Homophobie, Cisheterosexismus, Altersdiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit, religiöse Diskriminierung und Transphobie gehören.

Die vor uns liegende Arbeit bleibt klar: Praktiken und Visionen sind entweder auf Antirassismus ausgerichtet oder sie sind es nicht. Kunsthäuser können sich entweder mit dem gegenwärtigen kolonialistischen System selbstzufrieden geben oder sich auf den aktiven Prozess einlassen, rassistische Strukturen und die Ungerechtigkeiten, die sie aufrechterhalten, anzufechten. Es gibt kein Dazwischen und es bleibt weiterhin dringlich.

Abschliessend sind wir Kunstschaffende, die unserer Arbeit in den von uns gewählten Berufen nachgehen wollen. Dieser Brief kommt aus dem Bedürfnis nach sichereren beruflichen Bedingungen, die frei von Diskriminierung sind. Dieser Brief ist nicht Teil unserer Praxis.

Best,

A. Schmidt
Adji Dieye
Akosua Viktoria Adu-Sanyah
Alfatih
Alina Amuri
Amaka Madumere
Amissah Joshua
Angelina Yerly
Angélique Tahé
Angie Addo
Anita Maïmouna Neuhaus
Ann Kern
Ben Pauli
Bettina Aremu
Brandy Abrahams
Brandy Butler
Burni Aman
Karibik Gyal
Cécile Nduhirahe
Cédric Djedje
Chienne De Garde
Daniska Tampise Klebo
David Barlow
Debbie Alagen
Deborah Joyce Holman
Deborah Macauley
Diane Keumo
Edwin Ramirez
Élie Autin
Elisabeth Reich
EmmaTheGreat
Esengo
Fork Burke
fupaMagie
Gemma Ushengewe
Ivy Monteiro
Iyo Bisseck
J.A Santschi
James Bantone
Jasmine Gregory
Jeremy Nedd
Jessy Navalona Razafimandimby
JOBB3000
Joël Vacheron
Josh Johnson
Jovita Pinto
Juline Michel
Kaira Adward
Kapo Kapinga Grab
Katerine Omole (KA-RABA)
Kay
Kim Coussée
L. Erin
Larissa Tiki Mbassi
Legion Sieben
Leslie
Luisa Wolf
Lynn Aineomugisha
Maïté Chénière
Mandy Abou Shoak
Manutcher Milani
Marc Asekhame
Mark Damon Harvey
Mathias Pfund
Mbene Mwambene
Meloe Gennai
Michelle Akanji
Mirco Joao-Pedro
Mirjam Buergin
Naomi
Nayansaku Mufwankolo
Nebiyah
Nina Emge
Noemi Michel
Ntando Cele
Olamiju Fajemisin
Pascale Gähler
Patrick Gusset
Rabea Lüthi
Rahel El-Maawi
Ramaya Tegegne
Sasha Huber
Sawsane Aysha Hema
Serafina Ndlovu
Serena Dankwa
Sherian Mohammed Forster
Schild Zainab
Songhay Toldon
Soraya Lutangu Bonaventura
Steven Schoch
Suhyene Iddrisu
Tapiwa Svosve
Tara Mabiala
Tayeb Kendouci
Thaïs Diarra
Thelma Buabeng
Tina O. Reden
Tisalie Mombu
Titilayo Adebayo
Tracy September
Tshu-Li
Yann Stephane Biscaut
Yara Dulac Gisler
Yasmina Diallo
Yvonne Apiyo Brändle-Amolo

Schwarze Künstler*innen und Kulturschaffende mit Sitz in der Schweiz, die ihre Unterschrift hinzufügen möchten, kontaktieren uns unter: blackartistsinswitzerland@gmail.com

 

 

[1] #BlackoutTuesday war eine kollektive Aktion, um sich auf den sozialen Medien gegen Rassismus und Polizeigewalt lautstark zu machen. «Initiiert von zwei Musikindustrie-Insidern, war das Ziel die gesamte Industrie als Reaktion auf die landesweiten Proteste während eines Dienstags zum Stillstand zu bringen. Dies wandelte sich über Nacht in eine ungezielte Aktion um, die darauf hinauslief, das Instagram und andere Plattformen mit zahlreichen schwarzen Quadraten überflutet wurde.» (freie Übersetzung) https://www.nytimes.com/2020/06/02/arts/music/what-blackout-tuesday.html

[2] https://www.newyorker.com/culture/cultural-comment/the-second-act-of-social-media-activism

[3] Julia Wissert, Sonja Laaser, Banafshe Hourmazdi und Golschan Ahmad Haschemi haben eine Vorlage der Anti-Rassismus-Klausel entworfen, die sich auf den Theaterkontext bezieht. Diese ist unterliegt der Rechtsprechung des Deutschen Gerichts: https://www.antirassismusklausel.de. Sie kann jedoch einfach für den Kontext der zeitgenössischen Kunst in der Schweiz angepasst werden.

[4]Gerechtigkeit fördert den Einsatz von massgeschneiderten Mitteln um Ungleichberechtigungen und die daraus resultierenden Zugangsbarrieren zu identifizieren, anzugehen und zu korrigieren, währenddessen der Ansatz der Gleichberechtigung, obwohl er auf der Auffassung beruht, dass alle gleich behandelt werden sollten, strukturelle Zugangsbarrieren nicht in Betracht zieht, und diese somit oft aufrecht erhält.